Buchempfehlung: Kompetent zum Doktortitel

Girgensohn, Katrin (Hrsg.). 2010. Kompetent zum Doktortitel. Konzepte zur Förderung Promovierender. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Ganz allgemein gesprochen ist dieses Buch eine Kombination aus Praxisbericht und Leitfaden. Parallel wird zum einen konkret vom Projekt „Wissenschaftskompetenz durch Diversität“  an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder) berichtet, zum anderen erhalten Lesende Hinweise und Anregungen, wie sie selbst, aus der Perspektive einer Institution, solch ein Programm gestalten könnten.

Da die Ausrichtung der Artikel hinsichtlich der Zielgruppe uneinheitlich ist, habe ich die Artikel neu gruppiert, je nach Zielgruppe und Thema. Einige Aufsätze sind als Ratgeber für ProfessorInnen, Lehrende und BetreuerInnen von Promovierenden im Rahmen von promotionsbegleitenden Programmen zu verstehen. Andere Artikel eigenen sich sowohl für die Seite der Betreuung als auch für die Seite der Promovierenden. Und einige wenige Aufsätze stellen konkrete Arbeitsanleitungen für Promovierende dar (nach Farbcode sortiert).

Inhaltlich werden alle zentralen Bereiche des wissenschaftlichen Arbeitens abgedeckt: Arbeitsorganisation im Forschungsprozess, Einwerben von Fördergeldern, Präsentieren auf Konferenzen, Schreiben im Allgemeinen und Publizieren in Journals im Besonderen, persönliches Management, Lehre und Karriereentwicklung für Nachwuchsforschende. „Kompetent zum Doktortitel. Konzepte zur Förderung Promovierender“ bezieht sich somit sehr umfassend auf die Qualifikationsphase der Promotion.

Zu den Aufsätzen im Einzelnen:
Die ersten drei Aufsätze beziehen sich konkret auf das Programm des Projektes. Sie sind vor allem lesenswert für Personen, die ähnliche Projekte und Programme konzipieren, wie Graduiertenschulen o.ä. Der Artikel „Das Projekt ‚Wissenschaftskompetenz durch Diversität‘ an der Europa-Universität Viadrina“ beschreibt das Programm, sein Konzept und seine Evaluation. Hier werden auch die Erwartungen dargestellt, die die Promovierenden an das Programm hatten. Der Aufsatz richtet sich im Sinne eines best practice- Beispiels an Personalentwicklungsabteilungen von Universitäten, Betreuungsprogramme für Doktorierende, Mentoring Programme o.ä. Er bietet Ansatzpunkte zur Entwicklung eigener Programme. Der folgende Aufsatz „Von der Funktion und dem Funktionieren des Promotionsprozesses“ beschreibt die Erfahrungen der Promovierenden im Programm. „‘Kick-off‘: Gelungenes Netzwerken initiieren“ bezieht sich auf die Kick-off-Veranstaltung des Projektes. Hier wird die Relevanzbegründung für die Gründung von Peer Coaching Teams deutlich gemacht: Dies ist die Vernetzung und somit Vermeidung von Isolation im Promotionsprozess (Seite 55). Der Artikel beschreibt auch das Konzept und die einzelnen Phasen des Kick-offs. Darüber hinaus werden Übungen aus der Veranstaltung vorgestellt. Lesenswert sind vor allem die Schreibübungen (Seite 64), die einerseits zur Klärung der Erwartungen an das Programm dienen, andererseits aber auch das Schreiben als Thema einführen. So entstehen Synergien für das Programm an sich und für die Arbeit der Teilnehmenden. Hier lassen sich Bezüge zu allen Bereichen meiner Veranstaltungen zu Nachwuchsförderung herstellen, ganz besonders natürlich zu den Erfolgsteams.

Die Artikel „Die Crux mit der Promotionsbetreuung – Einblicke in eine besondere Beziehung und Überlegungen zu Lösungsansätzen“ und „Interkulturelle Wissenschaftskompetenz für Promovierende“ richten sich vor allem an BetreuerInnen, beide sind jedoch mit Einschränkungen auch für Promovierende geeignet. Im Zentrum des Aufsatzes zur Promotionsbetreuung steht die Asymmetrie im Machtverhältnis zwischen DoktorandIn und BetreuerIn. Thematisiert wird die Schwierigkeit, Erwartungen an die Betreuung direkt zu platzieren (Seite 70f). Besonders gelungen ist hier die Einbeziehung der unterschiedlichen akademischen Kulturen, welche sich essentiell auf das Betreuungsverhältnis auswirken können (Seite 72ff). Die Phasen der Promotionsbetreuung werden sehr transparent und nachvollziehbar dargestellt (Seite 76). Dieser Aufsatz eignet sich somit als Reflexionsgrundlage für BetreuerInnen, aber auch als Grundlage für promotionsbegleitende Seminare für DoktorandInnen, um den eigenen Kontext bzw. die eigene Situation besser zu verstehen. Der Aufsatz zu interkultureller Wissenschaftskompetenz richtet sich ebenfalls an Organisationen. Sein Fokus liegt vor allem auf der Notwendigkeit und Relevanz der Betreuung ausländischer Studierender in Deutschland. Der Text kann jedoch auch von Promovierenden genutzt werden, sofern sie sich das Kontextwissen zu Nutze machen: Man erfährt Spezifika der akademischen Kultur hinsichtlich Hierarchien, Betreuung etc. Internationale Vergleiche zwischen Asien, dem angelsächsischen Raum und Deutschland und Frankreich werden hergestellt. Besonders anschaulich, auch für schnellen Einstieg sind die tabellarischen Übersichten der Charakteristika und Unterschiede in Kommunikation, Theorieorientierung und Thesenproduktion in international unterschiedlichen akademischen Kulturen (Seite 123). Hier werden unterschiedliche Erwartungen an die Qualität und Form wissenschaftlicher Texte deutlich gemacht.

„Go Academic! Strategien für das Berufsfeld Wissenschaft“ beginnt mit der strukturellen Einbindung der Promovierenden in Deutschland. Diese wirkt sich auf die Karriereförderung aus: institutionelle Anbindung, Beschäftigungsverhältnisse, Status als Mitarbeitende oder Studierende etc. beeinflussen die Karriereverläufe von jungen Forschenden. Die Relevanzbegründung für promotionsbegleitende Weiterbildung und frühe Karriereplanung, gerade in den Geisteswissenschaften, wird deutlich gemacht. Der Artikel beschreibt einen an der Europa-Universität Viadrina durchgeführten Workshop zu den Themen: Organisation der Hochschule, akademische Selbstverwaltung, Lehre, Tagungen, Publikationen. Auch hier ist die Ausrichtung auf die BetreuerInnen als Leserschaft eindeutig. Für Workshops dieser Art in Konstanz verweise ich gerne auf das Academic Staff Development.

An die Zielgruppe der Promovierenden richten sich vor allem die Aufsätze „Das kreative Chaos meistern“ und „Selbstpräsentation und Stressmanagement in der Promotionsphase“. „Das kreative Chaos meistern“ ist persönlich geschrieben, aus der Perspektive der Autorin und stellt somit den niederschwelligen, einfachen Zugang zum Thema sicher. Die Autorin richtet ihre Tipps und Ratschläge direkt an die Promovierenden. „Schaffen Sie Platz für Ihr Promotionsprojekt“ (Seite 86). Die Tipps gliedern sich in „Tipps für Promovierende“ und „Tipps für Graduiertenschulen“. Hier gelingt der Spagat zwischen den Zielgruppen des Buches. Inhaltlich werden die Themen Arbeitsplatzgestaltung, Literaturverwaltung und Ordnungssystem für alle Materialien und Daten des Forschungsprozesses, die sich bei einer Dissertation ansammeln, behandelt. Die Verbindung von der Materialsammlung und -verwaltung über das Schreiben eines Exposés und die Gliederung bis hin zum fertigen Text wird hergestellt. „Selbstpräsentation und Stressmanagement in der Promotionsphase“ richtet sich ausdrücklich an Promovierende. Der Text beginnt mit der allgemeinen Stresstheorie, darauf folgen konkrete Übungen zur Reflexion von z.B. körperlichen Auswirkungen von Stress (Seite 100), zur Entwicklung von Visionen (Seite 103) und zum Fassen von Entschlüssen und Zielen (107). Somit sind die Übungen auch für Karriereentwicklungsseminare und Standortfindungsseminare geeignet, auch wenn der Titel des Aufsatzes das nicht vermuten lässt. Diesen Artikel empfehle ich vor allem jenen, die an den Erfolgsteam-Workshops teilgenommen haben. Hier werden Arbeitsschritte, wie sie auch im Blogartikel zur Zielsetzung angesprochen werden, umfassend erklärt.

Ein großer Teil der Aufsätze des Sammelbandes bezieht sich auf das wissenschaftliche Schreiben aus unterschiedlichen Perspektiven. „Der Stipendienantrag – der ‚Businessplan‘ für die Promotion“ richtet sich wiederum an Organisationen, BetreuerInnen etc., obwohl hier sicherlich ein Informationsdefizit gerade bei den Promovierenden besteht. Es werden Auswahlkriterien und formale Anforderungen aufgelistet, der Auswahlprozess transparent gemacht, Bewilligungsquoten aufgezeigt. Besonders ab Abschnitt 3 „Die ‚Bausteine‘ eines Exposés“ eignet sich der Text auch für Promovierende, hier werden die Bestandteile eines Exposés tabellarisch aufgezeigt (Seite 142ff). Ebenso ist die Linkliste (Seite 152f) zu empfehlen. Eine Kurzversion der Arbeitsschritte zur Erstellung eines Stipendienantrags finden sich im Blogbeitrag zur Fördermitteleinwerbung. „Publish or Perish? A Genre Approach to Getting Published in Leading English-language Journals“ richtet sich an Organisationen, TrainerInnen und BetreuerInnen. Der Aufsatz beschreibt zunächst den Prozess des Schreibens und Schreiben Lernens, wie er in Trainings zum Einsatz kommt. Eines dieser Trainings fand im Rahmen des Programms an der Europa-Universität Viadrina statt. Für Promovierende interessant: Abbildung 2: „Stages of the Publication Process“ (S. 160).

Darauf folgen drei Aufsätze zur Schreibarbeit, zunächst zur „Schreibberatung für in- und ausländische Promovierende als institutionelles Angebot“. Hier wird die Herausforderung des wissenschaftlichen Schreibens angesprochen und die Notwendigkeit der Unterstützung von Promovierenden verdeutlicht. Der Text richtet sich an Organisationen, die Schreibberatungen anbieten möchten. Die Strukturierung des Schreibprozesses wird auf Seite 183 visuell dargestellt, unterschiedliche Formen des Schreibens wie ‚denkendes Schreiben‘ werden angesprochen. Aber auch organisatorische Tipps für die Einrichtung einer Schreibberatung und die Voraussetzung für akademische Schreibberatung sind inkludiert. „Online-Schreibgruppen: den regelmäßigen Austausch fördern“ ist ein Praxisbericht aus einer solchen Schreibgruppe. Zunächst werden die Grundlagen der Schreibgruppen allgemein erläutert (darunter auch: Feedbackregeln), dann liegt der Fokus auf Online-Gruppen. Die konkrete Schreibgruppe des Praxisberichts basiert auf Chat-Treffen. In Zeiten von Skype, Adobe Connect und anderen Techniken kann dies nicht wirklich als effektiv und zeitgemäß bezeichnet werden. Online-Treffen mit Ton- und Bildübertragung bieten hier weit komfortablere Möglichkeiten, so dass dieser Artikel leider nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik entspricht. „Creating Graduate Student Writing Programming“ stellt ein Beispiel der Schreibförderung aus den USA vor. Hier kann ich für alle KonstanzerInnen, die praktische Hilfe suchen, die Schreibgruppe des Academic Staff Development empfehlen.

Abschließend behandelt „Verbesserung des Lernens im Hochschulunterricht – neue Anforderungen für die Lehre“ die Thematik der Hochschuldidaktik. Lehren lernen wird hier als Bestandteil der Ausbildung von Promovierenden aufgefasst. Lehre allgemein wird vor dem Hintergrund der in der Bologna-Deklaration verankerten Forderung nach Employability der Hochschulabsolventen diskutiert. Diese Forderung nach Employability schlägt sich in der studierendenzentrierte Lehre im Sinne einer  Prozessbegleitung nieder, die als Gegensatz zur frontalen Wissensvermittlung verstanden sein soll. Der Aufsatz ist sehr theoriebezogen und richtet sich meines Erachtens ausschließlich an Organisationen. Für den praktischen Bezug und zur institutionell verankerten Verbesserung der Lehrkompetenz empfiehlt sich das Zentrum für Hochschuldidaktik Baden-Württemberg.

Grundsätzlich sind fast alle Aufsätze dieses Bandes sehr empfehlenswert, allerdings stellt die wechselnde Zielgruppe, wie gezeigt wurde, ein Manko dar. Von LeserInnen wird erwartet, die auf sie zutreffenden Abschnitte ausfindig zu machen. (Ich hoffe, dass ich das meinen LeserInnen etwas einfach gestalten konnte.)

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