User Centered Architecture (UCA): Die Synthese von Architektursoziologie und User Centered Design

Ein interdisziplinäres Brainstorming von Benjamin C. Biörnstad & Eva-Christina Edinger

Die Zeichen der Zeit sprechen eine deutliche Sprache: Bruno Latour wird im Frühjahr als Keynote Speaker an der CHI 2013, der internationalen Konferenz zu Computer Human Interaction (CHI oder auch HCI) auftreten. Ein Soziologe also nimmt an der Konferenz für HCI teil und zeigt interdisziplinäre Bezüge auf. Die Architektursoziologie wiederum befasst sich mit dem Potential neuer Perspektiven der Science and Technology Studies, z.B. im Rahmen des Workshops der AG Architektursoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). Hier kann die HCI in die Soziologie einbezogen werden. Im Folgenden möchten wir einige konzeptionellen Parallelen von Architektur-/Raumsoziologie und Human Computer Interaction aufzeigen, an konkreten Beispielen verdeutlichen und einen Ausblick auf ein neues, transdisziplinäres Konzept einer User Centered Architecture werfen. 

Seit einiger Zeit richtet sich das Interesse vieler Disziplinen auf die Beziehung vom Sozialen zu virtuellen als auch materiellen Objekten.

„Während die Architektursoziologie sich auf das Zusammenspiel von Gesellschaft und Architektur konzentriert, beschäftigt sich Environment Behavior Research mit der Erforschung der Muster von Verhalten und (gebauter) Umwelt und die  Science and Technology Studies (STS) analysieren das Zusammenwirken von Materialität, Technologie und Sozialem. Außen vor bleibt bei diesen vorwiegend geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Betrachtungen eine Disziplin, die sich durch ihren Schnittstellencharakter auszeichnet: Die Human Computer Interaction (HCI).

Die HCI befasst sich mit der Beziehung zwischen dem Sozialem und den materiellen, digitalen und virtuellen Objekten und greift dabei auf einen ähnlichen empirischen Methodencorpus zu: Interviews, Fokusgruppen, teilnehmende Beobachtungen, user journeys uvm.“[1]

User Centered Design (UCD) ist ein Konzept innerhalb der HCI, welches die NutzerInnen bei der Erstellung von Software und interaktiven Systemen (beispielsweise Websites, Ticketautomaten, Smartphones) umfassend einbezieht und zum Ziel hat, diese Systeme so benutzerfreundlich wie möglich und die Erlebnisse bei der Nutzung so angenehm wie möglich zu gestalten. Transferiert man dieses Konzept auf die Architektur, so würde man eine User Centered Architecture erhalten, also ein Architektur-Konzept, welches bereits bei der Planung die NutzerInnen intensiv einbezieht. Der Mensch ist der Ausgangspunkt der Betrachtung.

Verschiedene Teilaspekte ließen sich analysieren, wie zum Beispiel:

  • Informationsarchitektur und Signaletik (Zugang zum Gebäude, Orientierung und Navigation im Gebäudekontext)
  • Bewegung von Menschen in und um Gebäuden
  • Arbeitsräume (für Gruppen und Einzelpersonen) über die Einzel‐Arbeitsplatzgestaltung an sich hinaus, z.B. mit Blick auf die Position des Einzelnen in Großraumbüros
  • Arbeitsplatzergonomie
  • Kombination von individuellen, sozialen, infrastrukturellen und sicherheitsrelevanten Aspekten in der Raumkonzeption unter Berücksichtigung der User Experience (die Erfahrung der NutzerInnen, abgekürzt UX)

Das Ziel der UCA ist es, Gebäude‐Architektur primär so voranzutreiben, dass sich die UX mit und im Gebäude so positiv wie möglich gestaltet. Dazu gehört neben dem Zugang zum Gebäude ebenso die Orientierung und Navigation in selbigem.

Ein Beispiel für öffentliche Gebäude stellt der Hauptbahnhof Zürich dar. Dort ist zwar die  architektonische Grundstruktur durch die Struktur eines Kopfbahnhofs schnell erfassbar, die unterirdischen Gleise, Fussgängertunnel und die Richtungs‐/Wegweiser (Signaletik/Navigationselemente) sind verbesserungswürdig. Eine Optimierung der Informationsarchitektur des HBs (im materiellen Sinne) und der Navigationsangebote in diesem könnte zu einer besseren Orientierung führen. (Zur Informationsarchitektur und weiterer Anwendungsbeispiele im raumsoziologischen Kontext siehe das Tag-Archiv zu „Information Architecture“).

In privaten Gebäuden ließe sich mit UCA beispielsweise die Arbeitsplätze und vor allem die Einbettung  (funktional, sozial etc.) von einzelnen Räumen in den Gesamtkontext verbessern. Empirische Studien belegen, dass die Arbeitsplatzkonzeption zumeist (zu) spät in die architektonische Planung einbezogen wird und somit für den User suboptimale Bedingungen geschaffen werden.[2]

Soziale Aspekte wie Inklusion und Exklusion bestimmter Gesellschaftsgruppen und Prozesse der Aneignung von Räumen werden durch die materielle (und die virtuelle!) Informationsarchitektur mitbestimmt. Auch hier verfügt die HCI über Konzepte, die sich zur Adaption durch die kulturwissenschaftliche Raumforschung anbieten: Accessibilty und Usability. Wenn Gebäudestrukturen bzw. Softwarestrukturen nicht barrierefrei gestaltet sind und sich in ihrer Anwendung den NutzerInnen nicht erschließen, können diese das Angebot nicht in vollem Umfang nutzen. Es bieten sich zur Analyse Methoden an, die den SoziologInnen vertraut sind: Teilnehmende Beobachtungen, Interviews, Commented Walks (im UCD: contextual design/inquiry).

Neben der bereits angesprochenen Makro-Perspektive ist auch die Mikro-Perspektive aufschlussreich, z.B. auf der Ebene der Ausgestaltung von Arbeitsräumen. Hier verknüpfen sich aufs Engste die Ansätze von Raum-/Architektursoziologie und HCI, auf Grund der Allgegenwärtigkeit von ICT in unseren Arbeitsumgebungen. Es stellen sich unter anderem folgende Fragen[3]:

  • Welche Devices und Zusatzgeräte werden an festen und flexiblen Arbeitsplätzen in Kombination miteinander verwendet? Hier kommt das Stichwort Method‐Media‐Match zum Tragen: In welchen Arbeitskontexten und –szenarien ist der Einsatz welcher Devices und Zusatzgeräte sinnvoll? (Tablets, Smartphones, Notebook, Desktop PC, Papier, Flipchart etc.). Welche Geräte werden genutzt? (Stichwort: Bring Your Own Device, kurz BYOD).
  • Wie verknüpft man die Devices am besten miteinander, um Reibungsverluste durch den sogenannten Medienbruch so gering wie möglich zu machen?
  • Wie wirkt sich diese Gerätekombination auf individuelle Arbeitsplatzgestaltung aus?[4]
  • Aus den jeweiligen Kombinationen ergibt sich ebenfalls, dass die entsprechenden Software‐Systeme (Intranet, DMS, Portale uvm.) mit diesen Devices auch harmonieren müssen.

Die Methoden und Erkenntnisse aus diesen neuen Anwendungskontexten erlauben eine Reflexion und Neuausrichtung des jeweiligen disziplinären Methoden-Repertoires, eine konzeptionelle Erweiterung und neue theoretische Anlehnungen. Angesichts der Vernetzung von virtuellen, materiellen und sozialen Räumen – gerade in Arbeitskontexten – ist eine interdisziplinäre UCA ein zukunftsweisendes Konzept.


[1] Eva-Christina Edinger (2013) „Informationsarchitektur, Accessibility und User Experience: Perspektiven auf den interdisziplinären Einsatz von Konzepten der Human-Computer-Interaction in der Architektursoziologie“, Konferenz Abstract für „Architektur und Gesellschaft als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand. Was kann die Architektursoziologie von den Science and Technology Studies lernen?“ 06. – 08. Juni 2013, Universität Bielefeld (abgelehnt).

[2] Siehe exemplarisch Hilger, C. (2011). Vernetzte Räume. Plädoyer für den Spatial Turn in der Architektur. Bielefeld, transcript.

[3] Zur Vertiefung dieser Fragen im Feld der Bibliotheken und der mobilen Nutzung von Bibliotheksangeboten siehe Eva-Christina Edinger, Ricarda T. D. Reimer (2013): Vernetzte Räume: Vom Bücherregal zur Bibliothek 2.0 – Neue Standorte und Perspektiven. In: 027.7 Zeitschrift für Bibliothekskultur 1 (2013), S. 27-36. Online verfügbar unter: http://www.0277.ch/ojs/index.php/cdrs_0277/article/view/13.

[4] Nicht zu vernachlässigen: Die Bedeutung des Third Space aus materieller und virtueller Arbeitsumgebung (in Anlehnung an Soja, Edward W. (1996): Thirdspace. Journeys to Los Angeles and Other Real-and-Imagined Places. Cambridge, Mass. [u.a.]: Blackwell.).

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3 Antworten zu User Centered Architecture (UCA): Die Synthese von Architektursoziologie und User Centered Design

  1. Biörnstad schreibt:

    Super Brainstorming! Die Bedeutung des HCI wird heute immer noch viel zu wenig berücksichtigt. Weiter so 🙂

    Peter

  2. spacesofknowledge schreibt:

    Weil pingbacks nicht immer funktionieren: Wir freuen uns sehr über den Verweis auf obigen Blogbeitrag bei http://de.cyclopaedia.net/wiki/Architektursoziologie

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