„Die Universitätsbibliothek – Ein integratives Element der Gemeinschaft der Forschenden“

Defensio

Gleichzeitig mit der Publikation dieses Blogposts verteidige ich meine Dissertation an der Uni Konstanz mit einem Vortrag zu oben genanntem Thema. Um mich auf den Vortrag vorzubereiten, habe ich diesen Post verfasst, quasi als Kurzzusammenfassung. Aber auch, um all jenen, die nicht dabei sein können, die mich aber in den letzten Wochen sehr unterstützt haben, einen kleinen Einblick zu ermöglichen. Für den Vortrag ist mir besonders wichtig, einerseits meine Arbeit als Ganzes vorzustellen, sie aber andererseits auch nochmal aus einer etwas anderen Perspektive zu beleuchtet. Eine Perspektive, die es erlaubt, aus allen Kapiteln Teile der Ergebnisse vorzustellen, die zusammengenommen wieder einen thematischen Bogen spannen. Im Folgenden möchte ich also, entsprechen meines Vortrages, kurz in mein Dissertationsprojekt einführen, eine zentrale These aufstellen, diese in Auszügen belegen und am Schluss eine Konklusion machen.
 

In meiner Dissertation habe ich auf der Basis einer relationalen Raumtheorie (in Anlehnung an Pierre Bourdieu, Martina Löw und Henri Lefebvre) ein Raumkonzept mit vier Komponenten entwickelt, die sich gegenseitig durchdringen und als Gesamtes das bilden, was ich „Raum“ nenne. Die Komponenten sind: materieller Raum, sozialer Raum, Raumkonzepte und erlebter und gelebter Raum.

Mit diesem Raumkonzept habe ich in einem zirkulären Forschungsprozess im Rahmen einer vergleichenden Fallstudie mit einem Methodenmix (reaktive und non-reaktive Methoden, visuelle und verbale Daten) Universitätsbibliotheken untersucht.

Ich stelle auf der Basis meiner Ergebnisse die These auf, dass die Universitätsbibliothek ein integratives Element der Gemeinschaft der Forschenden darstellt. Diese These beantwortet die Frage, inwiefern sich Raumstrukturen auf Prozesse der Inklusion, Exklusion, Identifikation und Identität auswirken.

Die These lässt sich am besten mit einer Bewegung von außen auf die Bibliothek zu, in sie hinein bis zu einzelnen Orten der Bibliothek belegen:

  • Zunächst muss man von der Existenz der Bibliothek wissen. Es gibt, wie ich zeigen konnte, geheime und verborgene Bibliotheken (entweder weil sie in verschachtelte Gebäudekomplexe eingebettet oder weil sie peripher gelegen sind). Wer die Bibliothek kennt – was sich am besten daran zeigt, dass man sich in ihr aufhält – gehört zum Kreis der Eingeweihten. Das Geheimnis um die Bibliothek ist konstitutiv für kollektive Identität (vgl. Alois Hahn, Aleida & Jan Assmann).
  • Ein Bibliotheksschwur, wie jener der Bodleian Library in Oxford, wirkt integrativ im Sinne eines Initiationsrituals. Materielle Schwellen wie Tore, Türen, Vorgärten, Treppen etc. machen soziale Schwellen sichtbar, Außenstehende bleiben davor stehen, Zugehörige überschreiten sie.
  • Zur Integration in der Bibliothek gehört, dass Orientierung und Navigation im Gebäude gelingen. Gerade ErstnutzerInnen nehmen Bibliotheken als Labyrinthe war, fühlen sich ausgeschlossen bzw. unfähig und verlassen diese unverrichteter Dinge. Dies ist übrigens unabhängig davon, ob die ErstnutzerInnen im ersten Semester sind oder bereits Post-Docs.
  • In Anlehnung an Marc Augés Begriffspaar der Orte und Nicht-Orte lässt sich zeigen, dass je nach kulturellem Kapital und nach Ausgestaltung einer Bibliothek bestimmten Bestandteilen (z.B. Portraits, Büsten etc.) Sinn zugeschrieben wird. Z.B. weil man den portraitierten Autor wiedererkennt. Man könnte mit Martina Löw sagen: Je nach Sinnzuschreibung ist die Syntheseleistung und somit die Konstitution des Raumes eine andere.
  • Über die Wahl eines Arbeitsplatzes in der Bibliothek und gegebenenfalls die Verteidigung desselben (z.B. Belegen des Platzes schon früh am Morgen oder durch Ausbreiten eigener Bücher) schreibt man sich selbst in den Raum ein, man eignet sich den Raum als temporären Besitz an. Man gehört quasi auf diesen Platz und somit zur Bibliothek.
  • Führt man die vorherigen Punkte zusammen, kommt man zu dem, was ich „raumbezogene Identität“ nenne: Man fühlt sich privilegiert gegenüber anderen, die die Bibliothek nicht kennen bzw. nicht betreten dürfen. Man sucht sich einen Lieblingsplatz aus (z.B. weil man diesem Platz und der Umgebung, z.B. den dort aufgestellten Büchern, den Büsten, der Fachdisziplin etc. einen besonderen Sinn zuschreibt), weil man diesem einen Sinn zuschreibt. Und daraufhin identifiziert man sich mit diesem Lieblingsplatz und der subjektiven/kollektiven Sinnzuschreibung. Es macht Sinn, dass man selbst in dieser Bibliothek an diesem Platz ist – weil man beispielsweise Teil der Universität ist, eine Karriere in der Wissenschaft anstrebt, großen Vorbildern folgt etc.

Oder wie es eine meiner Interviewees sagte: “[…] you feel a sense of participation in a long lineage of other scholars.“

Es zeigt sich so auch: Die Universitätsbibliothek als gebauter, materieller Ort ist unverzichtbar. Sie trägt – unter bestimmten Voraussetzungen – zur Integration in die Gemeinschaft der Forschenden als auch zu Identitätsprozessen der in ihr Arbeitenden bei.

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4 Antworten zu „Die Universitätsbibliothek – Ein integratives Element der Gemeinschaft der Forschenden“

  1. das liest sich besonders interessant, wenn man sich klar macht, dass künftig die bibliothek (also der funktionale kern: zugriff auf texte) im netz ist. die digitale bibliothek widerspricht in allen punkten der materiellen bibliothek, so wie die gemeinschaft der wissenden im netz der lokalen, durch zugangsschwellen geschützten elite-idee widerspricht (offen/geschlossen usw.).

    die frage ist jetzt: was passiert, wenn es diese doppelstruktur gibt? das verändert ja das bezugssystem, in dem auch die materielle bibliothek erlebt wird. wird das dann eine art arche noah oder wagenburg für realitätsverweigerer (die tendenz gibt es derzeit generell)? oder bildet sich eine fruchtbare spannung heraus?

  2. spacesofknowledge schreibt:

    Lieber Herr Lindner,
    besten Dank für Ihren Kommentar. Mein Ansinnen ist nicht, den digitalen/virtuellen und den materiellen Bibliotheksraum einander gegenüber zu stellen. Ich sehe beides als Komponenten, eine dritte Komponente kommt mit dem sozialen Raum hinzu. Nur so lässt sich fassen, dass wir einerseits einen physisch erfahrbaren Raum um uns haben, in dem wir uns leiblich aufhalten und zugleich befinden wir uns in anderen, virtuellen Räumen. Und für beide Komponenten gilt: Es braucht (soziale) Voraussetzungen (Bildung, Erfahrung, Gestaltung der Räume), damit wir diese aufsuchen, finden und aneignen. Auch der virtuelle Raum weisst Schwellen und Schließungsmechanismen auf. Dazu möchte ich gerne aus einem meiner Artikel zitieren:

    „Zu diesen «Wissensräumen» bieten Bibliotheken in immer grösserem Umfang Zugang. So tragen unter anderem PC-Pools, frei zugängliches W-LAN und der Verleih von E-Book-Readern zur Verringerung der «digitalen Kluft» bei zwischen jenen, die sich diese Geräte und Infrastruktur leisten können und jenen, die dies nicht können. Darüber hinaus begleiten Bibliotheken die Aneignung von Informationskompetenz, um die Nutzung der angebotenen Wissensräume zu ermöglichen. Nicht nur das Suchen und Finden von Büchern am Regal muss erlernt werden, sondern auch der Umgang mit digitalen Katalogen und Internetsuchmaschinen. Es reicht nicht aus, einen Begriff in ein Google-Suchfeld einzugeben und darauf zu vertrauen, dass etwas Sinnvolles dabei herauskommt! Recherchieren, kritisches Bewerten von Treffern, Strukturieren und Organisieren von Informationen sind im Zuge der Digitalisierung zu zentralen Kompetenzen geworden.“
    (Edinger, 2014, „Die Bibliothek ist kein Museum. Die Vernetzung und Gestaltung von Wissensräumen als Aufgabe öffentlicher Büchereien im digitalen Zeitalter.“)

    Ich plädiere für die fruchtbare Spannung!

  3. Pingback: Human Centered Urban Spaces | Spaces of Knowledge

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