Raum – Expedition: Konstanz

Oder: Wie eine empirische Lehrveranstaltung die Aufmerksamkeit verschiedener Interessensgruppen weckt und hoffentlich Forschung und Anwendungspraxis näher zusammenbringt

Im Herbst 2009 plante ich gemeinsam mit meiner Kollegin Anna Lipphardt das Projektseminar „Raum: Expedition“ für das Sommersemester 2010 an der Universität Konstanz. Unsere Motivation und unser Ziel: Studierende der Studiengänge MA Soziologie und MA Kulturelle Grundlagen Europas an die empirische Forschung in den Themenfeldern Raum und Stadt heranzuführen.

Unserer Ansicht nach werden die empirischen Zugänge sowohl in der Forschung als auch in der Lehre vernachlässigt, während gleichzeitig auf theoretischer Ebene der Boom des spatial turn vorangetrieben wird. Ziel unseres Projektseminares war deshalb, Raumtheorie und Raum(forschungs)praxis mit einander zu verbinden und die Studierenden an empirischen Methoden zur Analyse von Räumen heranzuführen.

Im Sommersemester erforschten 14 hoch motivierte Studierende mit unserer Unterstützung die Gestalt(ung) und Wahrnehmung der Stadt Konstanz aus unterschiedlichen Perspektiven. Entwickelt, geplant und umgesetzt wurden drei studentische Forschungsprojekte, deren wissenschaftliche Fragestellungen von den Studierenden selbst entwickelt wurden. Die Stadt, in der man selbst lebt, mit neuem Blick zu betrachten und eine wissenschaftliche Distanz zum so entstehenden Forschungsgegenstand zu entwickeln sollte eine große Herausforderung und bisher unbekannte Erfahrung für die Studierenden (und auch für uns Dozentinnen) werden.

Drei Projekte wurden realisiert:
♦ „Melting Space Herosé?- Spannungsverhältnisse zwischen öffentlichem und privatem Raum“
♦ „Randbemerkungen: Positionen im Berchengebiet und in den Öhmdwiesen“
♦ „Unsicher ist es anderswo – Räumliche Sicherheitswahrnehmung in Konstanz“

Die Projekte und deren Ergebnisse weckten schon in einem frühen Stadium der Arbeit das Interesse vieler am Forschungsprozess größtenteils Unbeteiligter. Durch Befragungen wurden sowohl gezielt ExpertInnen aus der Praxis in die Erhebungen einbezogen, als auch AnwohnerInnen der untersuchten Stadtquartiere eher unbeabsichtigt auf die Projekte aufmerksam.

Schnell wurde klar, dass sich hier die Möglichkeit ergeben könnte, einen Transfer der wissenschaftlichen Ergebnisse zurück in die Praxis zu realisieren. Erste Schritte in diese Richtung waren Ergebnispräsentationen im Juli 2010, zu deren Anlass unterschiedliche Interessengruppen eingeladen wurden. Eine Präsentation der Projektergebnisse von „Melting Space Herosé?- Spannungsverhältnisse zwischen öffentlichem und privatem Raum“ wurde eigens für die Anwohner des Herosé-Areals organisiert. Ein Bericht aus Sicht eines teilnehmenden Anwohners findet sich auf der Website der Herosé-Anwohner.

Ein weiterer Schritt zu Forschungs- und Ergebnistransparenz und möglichem Transfer in die Praxis ist die Veröffentlichung der Ergebnisse in Form von Broschüren. Diese Broschüren sind in Vorbereitung und werden in den nächsten Wochen fertig gestellt.

Auch das mediale Interesse an unserem Projektseminar ließ nicht lange auf sich warten. Im November 2010 führte der Südkurier ein Interview mit Anna Lipphardt und mir. Der damit verbundene Artikel ist inzwischen online verfügbar.

Bei der Planung des Seminares ging es uns vor allem darum, den Studierenden das empirische Potential und den methodischen Zugang zu raum- und stadtsoziologischen Forschungsfeldern nahezubringen. Über ein Jahr später sehe ich deutlicher als zuvor, welch vielfältige Schnittstellen zwischen Forschung und Praxis bestehen und wie diese genutzt werden (könnten). Ich freue mich sehr über das Interesse, welches unserer „Raum-Expedition: Konstanz“ entgegengebracht wird und hoffe, dass mit der bevorstehenden Veröffentlichung der Ergebnisbroschüren beide Seiten, Forschung und Anwendungspraxis, angeregt werden, weiter aufeinander zuzugehen.

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