Nicht jeder Fragebogen ist schon Partizipation!

Eine längst überfällige Diskussion im Begriffe-Dschungel von Partizipation, Design Thinking und sozialwissenschaftlicher Ergebungen

Im letzten Jahr ist mir immer wieder und immer häufiger in Workshops und auf Konferenzen aufgefallen, dass der Begriff Partizipation in aller Munde ist und dass Design Thinking und Human Centered Design aus dem Webdesign heraus den Weg in die Architektur- und Stadtplanung gefunden haben. Damit einher geht jedoch eine teminologische Herausforderung, die nicht in allen Kontexten gut gemeistert wird. Nicht jeder Fragebogen ist schon Partizipation! In den folgenden Zeilen möchte ich einen kleinen Beitrag zur Begriffsklärung leisten.

Im Mai 2015 war ich in Basel eingeladen zu einem Workshop der FHNW mit dem Titel „E-Partizipation in der Stadtentwicklung erfolgreich umsetzen“. Anwesend waren, neben Forschenden und AnbieterInnen aus der Wirtschaft auch VertreterInnen aus der Stadt- und Quartiersentwicklung diverser Schweizer Städte. Es ging nicht nur darum, potentielle Settings und Tools für (E-)Partizipation kennenzulernen, sondern auch an konkreten, aktuellen Projekten Einsatzmöglichkeiten zu diskutieren. Bei diesen Diskussionen ist mir immer wieder aufgefallen, dass zumeist unklar ist, mit welchem Ziel Partizipation überhaupt stattfinden soll. Und ich vermute, dass diese Unklarheit auf einer fehlenden gemeinsamen Definition von Partizipation basiert.

Das Wörterbuch der Soziologie definiert „Partizipation“ wie folgt: „Teilhabe; soziol. Bezeichnung für a) die Beteiligung an u. die Identifikation mit bestimmten Institutionen, Werten u. sozial relevanten Kräften einer Ges., oder für b) engagiertes u. sich in prakt.-polit. Arbeit manifestierendes Beteiligen an demokrat. Strukturen u. Prozessen.“[1] Partizipation verstehe ich demnach als einen zentralen Bestandteil von Demokratie. Ferner heißt es dort, dass Partizipation institutionelle Muster voraussetzt. Auf die oben genannten Einsatzmöglichkeiten bezogen bedeutet das, dass die Zielsetzung partizipativer Verfahren klar sein sollte: Es geht darum, Beteiligung an „demokratischen Strukturen und Prozessen“ in einem institutionellen Rahmen zu realisieren. Ob diese Beteiligung für politische Entscheidungen wiederum rechtlich bindend ist, bleibt implizit.

In den konkreten Fällen führt das dazu, dass oft gar nicht darüber nachgedacht wird, welche Aufgabe Partizipation übernehmen soll. Selten geht es um aktive Mitgestaltung oder Identitätsstiftung (nach dem Motto : „Ich leiste einen Beitrag zu meiner Stadt/meinem Quartier“) sondern vielmehr um ein Machtinstrument zur Kanalisierung von Widerspruch und Unzufriedenheit oder gar eine pädagogische Alibi-Übung, um – etwa in der Schweiz – das Durchwinken von Vorschlägen an der Wahlurne vorzubereiten oder um Partizipation ‚zu machen, weil man das jetzt halt so macht‘ – ohne, dass sich daraus ein inhaltlicher Mehrwert generieren würde.

Dan Derricott (University of Lincoln, UK) machte während seines Vortrags im Rahmen des Swiss Faculty Development Network im Mai 2015 deutlich, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen Engagement und Feedback gibt. Mit Schrecken stelle ich fest, dass mancherorts (z.B. bei der Jahreskonferenz der Schweizer Gesellschaft für Soziologie) das Klicken von „I like“ oder das Abonnieren von News-Feeds schon als Partizipation bezeichnet wird. Die Anmerkung von Derricott ist also absolut berechtigt!

Und was genau macht Design Thinking? Design Thinking ist ein iteratives Konzept zur Klärung von Bedarfen/Problemstellungen und zur Entwicklung von Lösungen inkl. Test und Überarbeitung. Es macht sich unter anderem zunutze, dass wir kollaborativ eine größere Vielfalt an Lösungen entwickeln können. Design Thinking setzt jedoch nicht voraus, dass die entwickelten Ideen und Lösungen dann tatsächlich umgesetzt werden – seien sie noch so tragfähig. Genau betrachtet ist es ein Setting, um kreatives Denken und Konzipieren zu befördern, um mehr/andere Ideen/Daten zu gewinnen. Schön, wenn dabei „Kunden“, „NutzerInnen“, „Stakeholder“ einbezogen werden.

Wie müsste man also die ganz unterschiedlichen Formen des Einbezugs von BürgerInnen kommunizieren, um nicht falsche Erwartungen und damit verbunden Enttäuschungen zu provozieren? Zunächst einmal sollte man sich über das Ziel klar sein (klingt nicht von ungefähr nach Didaktik). Geht es um das Abfragen von Bedarfen oder die Erfassung von Mängeln? Oder geht es darum, tatsächlich Ideen für eine (städtische Gebiets-)Neugestaltung zu entwickeln oder darum, im Bereich Soziokultur neue Konzepte zu entwickeln und diese mit den BürgerInnen gemeinsam umzusetzen? Erst wenn das Ziel klar ist, kann die Methode und das entsprechende Medium gewählt werden. Und erst dann machen Instrumente wie der „Atlas E-Partizipation“ zur Wahl von Methoden und Medium Sinn. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass z.B. nicht nur das Sammeln von Ideen, sondern auch das Auswerten der entstandenen Datenmenge via Crowdsourcing, etwa im Rahmen von Gamification, gut umsetzbar wäre (das näher darzustellen, würde jetzt zu weit führen).

Und natürlich sind die BürgerInnen darüber zu informieren, was genau mit welchem Zweck gemacht wird. Eine Bedarfsanalyse mittels Befragung ist eine Bedarfsanalyse und keine explizite Partizipationsform.

Erst wenn die Ziele und die Begriffe klar sind, dann kann Partizipation tatsächlich eine demokratisch verankerte Ermöglichung der Mitbestimmung sein.

Wie immer freue ich mich über Kommentare, Kritik, Anregungen!

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[1] Hillmann, Karl-Heinz (Hg.), 1994: Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Körner. S. 654.

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