Für Gesellschaft bauen

Seminar „(Für) Gesellschaft bauen. Perspektiven der Soziologie, Architektur und Psychologie auf das Wohnen im Alter“
HTWG Konstanz & Universität Konstanz, Sommersemester 2011
Studiengänge: BA/MA Architektur; BA Soziologie

Durchgeführt gemeinsam mit Dipl. Ing. Nicole Conrad.

In Anlehnung an die Dissertation der Architektin und Soziologin Heike Delitz Gebaute Gesellschaft: Architektur als Medium des Sozialen (2010) und im Kontext des aktuellen interdisziplinären Diskurs um Architektur und Raum wurden in diesem Seminar vielfältige, Disziplinen übergreifende Perspektiven eingenommen. Dazu wurde das Seminar fächerübergreifend für Studierende der Architektur (HTWG) und der Soziologie (Uni KN) angeboten. Ziel war es, sich dem zukunftsweisenden Thema ‚Wohnen im Alter‘ über verschiedene Sichtweisen und Arbeitsmethoden der Architektur, Soziologie und Psychologie zu nähern. Der Anteil der Betagten und Hochbetagten in der deutschen Bevölkerung (ähnliches gilt ebenso für Nachbarstaaten) wächst stetig. Wohnen im Alter wird im Zuge dieses demographischen Wandels als interdisziplinäres Arbeitsfeld und zentrales gesellschaftliches Thema bereits in naher Zukunft eine immer größere Bedeutung erhalten.

Rosenau Konstanz Wegweiser Eingangsbereich (©Eva-Christina Edinger)

In Kooperation mit dem Wohnstift Rosenau Konstanz wurden nicht nur aktuelle Lösungen für das Wohnen im Alter analysiert, sondern auch neue Ideen und Konzepte entwickelt. Dabei stand im Vordergrund, dass die Studierenden in interdisziplinären Teams arbeiten und so Einblicke in die Arbeitsweisen der jeweils anderen Fachdisziplin erhalten. Die Literatur wurde so ausgewählt und zusammengestellt, dass einzelne Themenkomplexe immer sowohl aus soziologischer als auch architektonischer Perspektive beleuchtet werden konnten.

Wissenschaftlich begleitet wurde das Seminar von Dipl. Psy. Heike Wawersich, Expertin für Demenz und Palliative Care.

Von den Studierenden wurden drei Themenfelder in interdisziplinären Teams bearbeitet:
♦ Qualitative Befragung von BewohnerInnen und Angehörigen
♦ Kommunikationszonen
♦ Garten und Außenbereich

Die Erkenntnisse und Erfahrungen des Seminars sind dreiteilig: Der Großteil der Studierenden hatte erstens bis zum Zeitpunkt der ersten Ortsbegehung und der Führung im Haus Loretto (für Personen mit Demenz) keinerlei Erfahrung mit Wohn- und Pflegeheimen. Zweitens stellte die interdisziplinäre Kommunikation und Kooperation zwischen SoziologInnen und ArchitektInnen eine Herausforderung dar. Die für die Disziplinen spezifischen Projektabläufe, Methoden und theoretische Ansätze mussten zunächst vermittelt werden. Neben dem empirischen und interdisziplinären Erkenntnisbereich entstanden auch inhaltliche Ergebnisse. Diese beziehen sich vor allem auf die Schierigkeit, soziale und materielle Räume für eine Zielgruppe zu entwickeln, die sich vor allem durch eine große Bedürfnisheterogenität auszeichnet. Die Bedürfnisse lassen sich auf zwei Achsen abbilden, von denen die eine das Spektrum Konsumption- Partizipation abdeckt, die andere das Spektrum Öffentlichkeit – Privatheit. Für das Wohnen im Alter heißt dies, dass alle Bereiche dieses zweidimensionalen Systems räumlich abgebildet werden müssen. Partizipation in öffentlichen Räumen könnte dann z.B. heißen, dass ein Weihnachtsmarkt, gestaltet durch die BewohnerInnen, für angrenzende Wohnquartiere und somit für die Öffentlichkeit außerhalb der Einrichtung geöffnet wird. Konsum im Privaten hingegen könnte dadurch realisiert werden, dass Wellness- und Pflegebehandlungen in der eigenen Wohnung/im eigenen Zimmer in Anspruch genommen werden können.

Die Ergebnisse wurden im Rahmen eines Expertengesprächs am 20 Juli 2011 auf der Rosenau der Heimleitung und Mitarbeitenden in zentralen Funktionen präsentiert. Die erstellten Analysen und die Konzepte zur Optimierung der sozial-räumlich-materiellen Situation sollen nun in Umbau- und Renovierungsarbeiten einfließen.

Publikationen zu den Ergebnissen:

Eva-Christina Edinger, Nicole Conrad (2014): Das Beste kommt zum Schluss! Interdisziplinäre Planung für das Wohnen im Alter im Spannungsfeld zwischen Zielgruppenorientierung und Bedürfnisheterogenität, In: Planungsrundschau 21 “Zielgruppen in der räumlichen Planung. Konstruktionen, Strategien, Praxis“, Kassel: Verlag Uwe Altrock. S. 243-260.

Eva-Christina Edinger (2014): Examining Space Perceptions. Combining Visual and Verbal Data with Reactive and Non-Reactive Methods in Studies of the Elderly and Library Users. In: Historical Social Research, Special Issue “Spatial Methods”, Vol. 39 (2014) No. 2. S. 181-202. Artikel zum Download

Eva-Christina Edinger, Heike Wawersich (2011): Neue Raumkonzepte zum Leben und Erleben im Alter. In: KWA Journal (Kuratorium Wohnen im Alter) 04/2011, Berlin: Business Network Marketing- und Verlagsgesellschaft, S. 19.

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