Wer keinen physischen Platz hat, hat auch keinen gesellschaftlichen Platz!

Überlegungen im Vorfeld zum Netzwerktreffen „Das Soziale im urbanen Kontext – Dynamiken der Aneignung und Aushandlung von (Stadt-)Räumen“

Jugendzentrum „Ex(zellenz)-Haus“, Trier

Jugendzentrum „Ex(zellenz)-Haus“, Trier

Der urbane Raum ist geprägt von Dynamiken der Aneignung und Aushandlung. Über diese werden wir heute und morgen beim 12. Treffen des Nachwuchsnetzwerkes Stadt – Raum – Architektur in Luzern sprechen. Das Programm des Netzwerkes steht am Ende dieses Beitrags zum Download zur Verfügung.
Im Vorfeld dazu möchte ich ein paar Gedanken formulieren, nicht zur Aneignung und Aushandlung – das werden wir in den nächsten Tagen zu Genüge tun – sondern zur Bedeutung der Räume, deren in Besitznahme ausgehandelt wird: Tim Cresswell schreibt dazu treffend: „‘Would you like to come round to my place?‘ This suggests ownership or some kind of connection between a person and a particular location or building. It also suggests a notion of privacy and belonging.“[1]

Deutlich wird in diesem Satz die homonyme Funktion von „place”, so kann das Wort hier im Sinne von „Platz“ aber auch von „Zuhause“ gelesen werden. Es geht nicht um die Aneignung an sich, nicht um den Besitz, sondern vielmehr darum „Besitzer“ (oder in manchen Fällen Besetzer) zu sein.
Anders herum bedeutet dies: Wer keinen physischen Platz hat, hat auch keinen gesellschaftlichen Platz.[2] Die physikalisch-leibliche, materiell-räumliche Wahrnehmung und Erkenntnis eines persönlich Eingeordnet Seins ist die Entsprechung einer gesellschaftlichen, sozial-räumlichen Identifikation und Integration. So beschreibt Jai Sen am Beispiel eines von 1975 bis 1995 andauernden Kartierungsprojektes der Slums von Deli, dass diese räumlich-materielle Zuordnung der dort lebenden Personen erstmals auch zu einer staatlichen Erfassung selbiger führt und somit für diese einen ersten Schritt darstellt zur Wahrnehmung ihrer Bürgerrechte. Hier wird Raum-Macht ausgeübt über das Zuschreiben von Orten: Wer nicht kartiert wird, wessen Ort und Person nicht verzeichnet werden, der existiert offiziell nicht.[3] Aus historischer Perspektive ließe sich hier auch anschließen an den Zusammenhang von Bodenbesitz und Bürgerrechten.

(Materiellen) Raum anzueignen und auszuhandeln bedeutet immer auch, sich eine soziale Position anzueignen oder auszuhandeln.

Ich freue mich auf eine tolle, anregende Tagung mit spannenden Vorträgen, weitreichenden Diskussionen und interessanten persönlichen Begegnungen.
Programm: Programm NWNW Luzern_2014_final_141128

 
[1] Cresswell, Tim, 2004: Place. A short Introduction. Oxford: Blackwell. S. 1.
[2] Bourdieu, Pierre, 1997: Ortseffekte. S.160f.
[3] Sen, Jai, 2008: Other Worlds, other Maps: Mapping the Unintended City.

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2 Antworten zu Wer keinen physischen Platz hat, hat auch keinen gesellschaftlichen Platz!

  1. Peter schreibt:

    Könnte dessen erweiterte Deutung dann auch als Argument gegen Grossraumbüros ohne festen eigenen Arbeitsplatz erweitert bzw. spezialisiert verwendet werden? Wer keinen physischen Platz hat, hat auch keinen Platz in der Firma.

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